Regiert und reguliert endlich!

Regiert und reguliert endlich!

Facebook hortet Eisprung-Daten seiner Nutzerinnen.
Google versteckt heimlich Mikrofone in seiner Hardware.
Abgeordnete in Berlin und Brüssel, worauf wartet ihr? Zeigt Zuckerberg und Co. endlich die Zähne!

Seit meiner Kindheit zwischen Fischer-Technik und Commodore 64 bin ich Techie. Ob Fitness-Tracker oder smarte Glühbirnen, ich liebe alles, was Strom frisst und irgendwie am Internet hängt. Laut Apple nutze ich mein iPhone sieben Stunden täglich. Das ist mehr als ich schlafe. Und doch kennt meine Technikfreude Grenzen. Es wird Zeit, aktiv zu werden, den Mund aufzumachen:

Facebook, Google, Twitter – eure verlogene Firmenpolitik widert mich an!

Wie lange wollt ihr noch behaupten, ihr wäret unschuldig an der wachsenden Polarisierung unserer Gesellschaft, an der Aushöhlung der Demokratie? Wer gibt euch das Recht, wissentlich Hass und Lügen zu verbreiten, uns auszuspähen und unsere Daten zu verkaufen, nur weil es geht?

Lange habe ich mir auf die Lippe gebissen, mir eingeredet, Exzesse gehören dazu, auf dem Weg vom Startup zum Weltkonzern. Doch mein Verständnis für eure Verantwortungslosigkeit ist restlos aufgebraucht. Wenn ihr mich fragt, ihr gehört sowas von durchreguliert, dass euch die Server qualmen! Eure Führungsspitze sollte geschlossen zu Pflichtkursen in Ethik und Humanismus verdonnert werden, am besten auf Lebenszeit.

“What kind of Internet do we want?”

Da erdreistet sich eine Sheryl Sandberg doch tatsächlich, bei der DLD-Konferenz in München die Frage ans Publikum zurückzuspielen: “What kind of Internet do we want?”. Ganz so, als ob WIR dieses menschenverachtende Hass-, Troll- und Überwachungsnetzwerk gebaut hätten. Welch Hybris! Nicht WIR müssen diese abartigen Auswüchse abstellen. IHR müsst das! Und weil ihr das von alleine nicht tut, müssen das eben andere für euch tun.

Und hört mir auf mit Victim-Blaming! Woher sollen Kunden wissen, dass Google in Geräte der Marke Nest heimlich Mikrofone einbaut? Wie sollen Mädchen auf die abartige Idee kommen, dass Facebook Eisprungdaten von Zyklus-Apps aufkauft und diese mit Facebook-/Whatsapp-/Instagram-Nutzer-Profilen abgleicht? Woher sollen Nutzer wissen, welche App welche Informationen an wen weitergibt und was mit scheinbar harmlosen Metadaten alles angestellt werden kann?

Außer Kontrolle

Der Überwachungskapitalismus, den ihr geschaffen habt, ist vollends außer Kontrolle geraten. Und mit jedem Mitarbeiter von Google oder Facebook, mit dem ich rede, erhärtet sich mein Verdacht, dass den Tech-Gründern über die Jahre der eigene moralische Kompass abhandengekommen ist. Schlimmer noch, es scheint, die Schöpfer haben das Monster, das sie erschaffen haben, selbst nicht mehr im Griff.

Ob Fake News, Hassverbrechen oder Daten-GAU – Mark Zuckerberg, Sheryl Sandberg oder Susan Wojcicki von der Verschwörungsplattform Youtube haben keine Antwort auf die Frage, wie sie den Deckel auf Pandoras Büchse wieder draufbekommen. Daher mein Appell an alle Politiker, sollten sie das hier lesen:

Belasst es nicht bei Appellen. Regiert endlich! Die digitale Welt wartet nicht auf euch, sondern schafft Fakten in Echtzeit. Nehmt eure Verantwortung endlich wahr und lasst euch nicht länger einlullen – sei es von Facebooks und Googles wachsender Lobbypower auf der einen Seite, sei es von alten Medienseilschaften auf der anderen Seite, die eure digitale Unkenntnis gleichermaßen für ihre Zwecke ausnutzen (“Leistungsschutz”, “Uploadfilter”).

Begreift endlich, dass ihr die Weichen stellen müsst für unsere digitale Zukunft. Trainiert eure digitalen Muskeln. Entwickelt ein eigenes Gespür für diese Welt. Geht das Problem der Plattformen selbstbewusst an und zielt auf das einzige, was diesen Konzernen wirklich heilig ist: ihre Gewinne. Die Datenschutz-Grundverordnung kann hier nur ein Anfang gewesen sein.

Stoppt die Steuerschlupflöcher innerhalb der EU und schafft Möglichkeiten, die Tech-Giganten mit Sammelklagen von Databreach- oder Hatespeech-Opfern zu überziehen, bis die Verantwortlichen in Menlo Park und Mountain View endlich gelernt haben, nicht mehr nur über Verantwortung zu reden, sondern diese auch zu praktizieren.

Ein IMHO von Richard Gutjahr/www.gutjahr.biz

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